Ich war schon ein paar Dutzend Mal in Kopenhagen. Es lässt sich dort gut radfahren, aber in Utrecht und Groningen ist die Infrastruktur besser und die Stadt überschaubarer. Und an einem sich am Emsdeich entlangwindenden Pfad ist es sogar noch besser. Warum? Weil schön radfahren immer auch heißt, die Autos weit weg von sich zu wissen.
Eben dieses Prinzip verfolgt Oslo. Aus 750 Parkplätzen in der Innenstadt wurden 700, die Restmenge bleibt für Menschen mit eingeschränkter Mobilität und ein paar Lieferwagen. Erstaunlicherweise ist die Welt nicht untergegangen: die Läden der Innenstadt florieren noch immer, und außer den Protesten einiger Autofuzzis (durchaus vergleichbar mit den Hard-Core-Rauchern, als die Rauchverbote eingeführt wurden) ist rein gar nichts passiert. Abgesehen davon, dass die Innenstadt wieder menschenfreundlich und lebenswert geworden ist. Mehr Fußgänger, Radfahrer und spielende Kinder, die ausnahmsweise mal nicht überfahren werden.
Es ist verblüffend einfach, die Welt besser, schöner, sauberer zu machen. Autos raus. Autowerbung verbieten. Wohlstandsschnickschnack abschaffen. Circular economy. Junk food einfach nicht essen. Weniger essen. Saubere Energie erzeugen und nutzen. Das Verlegenheitswort "letztendlich" nicht mehr sagen. Alles nicht schwer. Warum macht es keiner?
Die Maßnahmen in Oslo kosten fast nichts. Es muss nicht einmal eine teuere Fahrradinfrastruktur gebaut werden; man vertreibt einfach die Autos, und schon ist Platz für Mensch und Fahrrad. Jede Stadt in unserem Land sollte das zumindest einen Sommer lang einmal probieren. Kostet nichts und macht klüger.
Machbarkeitsstudien, wie sie in unseren Kommunen immer wieder für viel Geld in Auftrag gegeben werden, erübrigen sich. Einfach mal nach NL, DK oder NO schauen. Es geht, es geht wirklich!
06 Juli 2019
15 Oktober 2018
Madonna mia!
According to Trek, half of all the previous-generation Madones it sold were through its Project One custom programme, where customers could spec the components and paint scheme they wanted.Das klingt ein wenig nach dem alten Scherz, dass die Arbeitsbedingungen am Band bei VW verbessert wurden: es gebe nun nicht nur schwarze, sondern auch gelbe, rote, blaue und grüne Schraubendreher.
-- Cyclist, no. 80, Nov 2018
Mir ist die Farbe ziemlich schnurz, auch wenn ich gewisse Vorlieben habe. Wer nun glaubt, dass seine Sonderlackierung ihn aus der Masse heraushebt, der irrt sich gewaltig. Aber die Werbung redet den Menschen viel teuer zu bezahlenden Unsinn ein. Zum Beispiel die Farbeffekte Prismatic Pearl, Refliptive und Candy Emerald Green. Erinnert, natürlich, an Perl-Effekte bei Olympia aus Italien oder die ganzen Cromovelato-Räder, ebenfalls aus Bella Italia. Richtig getaugt hat das ja auch nichts, aber zum Angeben war es schon gut, zumindest für ein Weilchen.
Die Madones, die vor ein paar Jahren die Gemüter in Kaufstimmung versetzten, kosten heute nur noch ein paar hundert Euro.
25 Mai 2018
Rechthaber
Radfahrer haben immer recht, auch wenn sie gelegentlich Verkehrsregeln ignorieren und damit andere gefährden, meist jedoch nur leicht. Merke: Autos töten, Fahrräder nicht. Lastwagen und SUVs und Kleinwagen sind für Radler tödlich. Umgekehrt ist ein Radfahrer für den LKW-Fahrer ganz und gar nicht tödlich. Radfahrer sind, und das kann man nicht wegargumentieren, einfach die Schwächeren im Straßenverkehr, auch wenn sie grantligen Rentnern zuweilen richtiggehend gefährlich erscheinen. Deshalb sollte man sorgsam und liebevoll mit ihnen umgehen. Mit den Radfahrern, meine ich.
20 April 2018
Kaufhausrad, Kaufhausrad, so schallt es voll Graus
Ganz ehrlich: ich habe schon Markenräder gehabt, die über 1000 Euro gekostet haben, und deren Rahmen nach vier Jahren durch war. Knack, Alurohr gebrochen.
Bei jedem Markenrad gibt es die üblichen Kinderkrankheiten: Schaltung falsch eingestellt, eiernde Laufräder (meist nach der Einfahrphase), Metallspäne an der Felge, und nur der gewissenhafte Händler macht das gleich weg bzw. bessert nach. Fabrikrad ist und bleibt Fabrikrad, egal was es kostet und wer es verkauft.
Ein nachgearbeitetes Rad für wenig Geld (ja, auch vom Kaufhaus oder Baumarkt) kann mit Geschick und ein paar Austauschteilen der bessere Deal sein als das Rad vom Fachhandel. Und mit Fachhandel meine ich nicht die Riesenläden in der Vorstadt, die trotz Markenware auch nur kaufhausähnliche Beratung bieten.
https://www.facebook.com/tagesschau/videos/10154127227724407/
Bei jedem Markenrad gibt es die üblichen Kinderkrankheiten: Schaltung falsch eingestellt, eiernde Laufräder (meist nach der Einfahrphase), Metallspäne an der Felge, und nur der gewissenhafte Händler macht das gleich weg bzw. bessert nach. Fabrikrad ist und bleibt Fabrikrad, egal was es kostet und wer es verkauft.
Ein nachgearbeitetes Rad für wenig Geld (ja, auch vom Kaufhaus oder Baumarkt) kann mit Geschick und ein paar Austauschteilen der bessere Deal sein als das Rad vom Fachhandel. Und mit Fachhandel meine ich nicht die Riesenläden in der Vorstadt, die trotz Markenware auch nur kaufhausähnliche Beratung bieten.
https://www.facebook.com/tagesschau/videos/10154127227724407/
Soundtrack
Woran liegt es, dass der Soundtrack mit Bowie, der bei Stranger Things durch die Episoden schallt und auch bei all den anderen angesagten Serien so begeisternd klingt, beim vollständigen Anhören aller Songs schnell in ein laues Na-geht-So abgleitet?
Offensichtlich funktioniert die Serie als Erlebnis, das die Musik aufwertet, so wie einst die Songs mit coolen MTV-Videos uns auch näher am Herzen waren als die vom Bild losgelösten Klänge aus der Musikkassette.
Warum gefällt mir mein neues Rennrad in natura weniger als zu Zeiten der werbebefeuerten Vorfreude? Warum schmeckt dem Junkie das Kokain immer schlechter, wenn er es erst einmal in der Nase hat?
Ist nur die Vorfreude der wahre Genuss?
Offensichtlich funktioniert die Serie als Erlebnis, das die Musik aufwertet, so wie einst die Songs mit coolen MTV-Videos uns auch näher am Herzen waren als die vom Bild losgelösten Klänge aus der Musikkassette.
Warum gefällt mir mein neues Rennrad in natura weniger als zu Zeiten der werbebefeuerten Vorfreude? Warum schmeckt dem Junkie das Kokain immer schlechter, wenn er es erst einmal in der Nase hat?
Ist nur die Vorfreude der wahre Genuss?
17 April 2018
Die Gefahren der Jedermann-Events
Die wirkliche Gefahr der Massen-Marathons, der Jedermann-Rennen und Vintage-Ausfahrten ist nicht, dass schlecht trainierte Menschen sich überanstrengen oder verletzen können, sondern das kühl bis eiskalt kalkulierte Abschöpfen von Kaufkraft. Mit jedem Rennen werden, die Startgebühren miteingerechnet, mindestens 100 Euro fällig, 100 Euro, die einfach nur weg sind. Dafür gibt es dann ein vorfabriziertes Erlebnis.
Der ebenso kalte, aber vernünftige Gegen-Ansatz: 100 Euro, richtig angelegt bzw. in ein Objekt investiert, bleiben 100 Euro oder werden sogar 150 Euro. Nur: In der aktuell propagierten Welt der Erlebnisse ("Just do it!" oder einfach nur: "Gönn dir was!", "Have fun!") wird die Lusthandlung höher gewertet als das Schaffen von bleibenden materiellen Werten. Kaum einer, der versteht, dass hier viele Menschen einer Industrie auf den Leim gehen, die künstliche und hohle Erlebnisse liefert. Prefabricated fun and emotions.
Wer sich diesem Klamauk entziehen möchte, braucht nur nein zu sagen. Einen Tag später kann er oder sie die exakt gleiche Strecke abfahren, Tour-de-France-Pässe erklimmen oder die strade bianche der Toskana beradeln. Kostenlos.
Mit dem gesparten Geld darf dann sorglos umgegangen werden. Die Spielertypen kaufen Fahrradaktien, die Konservativen eine Antiquität (meine Olivetti-Schreibmaschine, ein echter Design-Klassiker von Ettore Sottsass, hat 50 Euro gekostet) oder ein Vintage-Fahrrad. Das klingt vielleicht nicht für jeden sexy, ist aber vernünftig und mehrt Vergnügen wie Geld.
Geld, ganz am Rande bemerkt, ist kein Selbstzweck. Man muss es nicht horten. Aber es ist wichtig, es verfügbar zu haben, wenn es um wirkliche Bedürfnisse geht. Die sollen und müssen befriedigt werden. Künstliche Bedürfnisse, die einem Werbung oder peer groups aufschwätzen, dürfen hingegen auf der Parkposition bleiben.
Der ebenso kalte, aber vernünftige Gegen-Ansatz: 100 Euro, richtig angelegt bzw. in ein Objekt investiert, bleiben 100 Euro oder werden sogar 150 Euro. Nur: In der aktuell propagierten Welt der Erlebnisse ("Just do it!" oder einfach nur: "Gönn dir was!", "Have fun!") wird die Lusthandlung höher gewertet als das Schaffen von bleibenden materiellen Werten. Kaum einer, der versteht, dass hier viele Menschen einer Industrie auf den Leim gehen, die künstliche und hohle Erlebnisse liefert. Prefabricated fun and emotions.
Wer sich diesem Klamauk entziehen möchte, braucht nur nein zu sagen. Einen Tag später kann er oder sie die exakt gleiche Strecke abfahren, Tour-de-France-Pässe erklimmen oder die strade bianche der Toskana beradeln. Kostenlos.
Mit dem gesparten Geld darf dann sorglos umgegangen werden. Die Spielertypen kaufen Fahrradaktien, die Konservativen eine Antiquität (meine Olivetti-Schreibmaschine, ein echter Design-Klassiker von Ettore Sottsass, hat 50 Euro gekostet) oder ein Vintage-Fahrrad. Das klingt vielleicht nicht für jeden sexy, ist aber vernünftig und mehrt Vergnügen wie Geld.
Geld, ganz am Rande bemerkt, ist kein Selbstzweck. Man muss es nicht horten. Aber es ist wichtig, es verfügbar zu haben, wenn es um wirkliche Bedürfnisse geht. Die sollen und müssen befriedigt werden. Künstliche Bedürfnisse, die einem Werbung oder peer groups aufschwätzen, dürfen hingegen auf der Parkposition bleiben.
19 März 2018
Technische Tipps
Manchmal wundert man sich. Ob das wirklich funktioniert?
"Kurbelvierkant und Achsvierkant peinlichst entfetten und dann mit Loctite 648 aufsetzen, anziehen und aushärten lassen. Abbauen: Heißluftföhn auf die Kurbel, bei ca. 200 Grad gibt Loctite auf."
"Kurbelvierkant und Achsvierkant peinlichst entfetten und dann mit Loctite 648 aufsetzen, anziehen und aushärten lassen. Abbauen: Heißluftföhn auf die Kurbel, bei ca. 200 Grad gibt Loctite auf."
https://www.rennrad-news.de/forum/threads/raleigh-rialto-s.120200/page-2
Das Fahrrad in der Werbung

Kitsch auch bei Hugendubel: das hat das Fahrrad nicht verdient
Pizza und italienisches Rennrad: Frankfurt SüdEin Bianchi, in celeste, als Blickfang in einer Lüneburger Apotheke; ein grün überlackiertes Hollandrad, komplett mit Weidenkorb für Biomarkt-Werbeflyer; und, natürlich, ein Vintage-Rad an der Wand einer hippen Kneipe oder eines übercoolen Friseursalons. Durchweg Räder, die ihrer Funktion entzogen wurden. Ein Hauch von Marcel Duchamp, dessen erstes Readymade (1913) ein Fahrrad-Vorderrad auf einem Hocker war, weht durch unsere Innenstädte, und ich weiß nicht, ob ich erst kotzen oder erst einmal die Idiotie der Aufsteller betrauern soll.
Natürlich lässt sich ein Rad auch als Kunsthandwerk begreifen, meinetwegen auch als Kunstwerk. Aber davon auszugehen, dass ein Rad per se gut ist und von allen Betrachtern sofort jubelnd als mechanisches Gegenstück zu süßen Hundewelpen gesehen wird, zeugt kaum von überragendem Werbetalent. Das dürfte Karl Kraus (1936 von einem Radfahrer attackiert) kaum anders gedeutet haben. Das Fahrrad immer und immer wieder als Sinnbild des Guten zu verstehen, ist ebenso verkehrt wie es automatisch dem Verkehrsrowdytum zuzuordnen. Nicht ganz zurückweisen lässt sich allerdings der Verweis auf die militärische Verwendung (Waffenrad, Klapprad für Fallschirmspringer). Also erst mal Essig mit der Blümchen- und Welpenwelt.
Die Ghost-Bikes, die u.a. in Berlin tödliche Fahrradunfälle mahnend an uns herantragen, sind ästhetisch leider komplett unakzeptabel. Schrott bleibt Schrott, auch wenn er mit einer Message befrachtet ist. Schlimmer noch: durch die Botschaft wandelt er sich zum Kitsch. So wie die Mini-Mahnmale am Straßenrand, die den Schmerz der Zurückbleibenden über einen Auto- oder Motorradtoten markieren, so präsentieren sich die Ghost-Bikes als ein Stück Kitsch, das die Wahrhaftigkeit des Schmerzes mit Plastikblümchen, LED-Kerzen und Tweets entwürdigt. Schon deswegen sollten Ghost-Bikes schnellstmöglich einer Recyclingzentrale zugeführt werden. So wie die vielen Grabkreuze am Wegesrand, denn auch die haben nur einen Effekt, die Vermüllung des öffentlichen Raums voranzutreiben.
"Je mehr Mahnmale, desto weniger fühlen sich die Menschen betroffen. Jedes Denkmal legt Erinnerungen für immer ad acta." (Walter Kempowski)
10 März 2018
Lessing sucks
Die Onleihe-App trägt einen schrecklichen Namen, die englische Version ist in Denglish gehalten, aber sie bietet dennoch einen großen Nutzen, nämlich den, kostenlos auf deutsche Bibliotheksbestände zugreifen zu können. Beim Stöbern online fiel mir ein Buch von Hans-Erhard Lessing in die Hände. Lessing wird gerne als "Fahrradprofessor" gehandelt, aber keine Sorge, er ist schlechter als man denkt.
Hans-Erhard Lessings 'Das Fahrradbuch' von 1986 war eines meiner Lieblingssachbücher. Lessing war, wie ich, in den USA gewesen, und hatte gesehen wie selbst in einem gnadenlosen Automobilland wie den USA eine Fahrradszene existieren konnte, die das Fahrradpendeln und Freizeitradeln voranbrachte, ohne, wie im kommerziellen Mainstream, vom Radsport dominiert zu werden. Ein praktisches Buch mit einem pragmatischen Ansatz, das Lessing für mich zu einem Autor machte, bei dem es sich lohnte nachzusehen, was er sonst noch so schrieb.
Der Ansatz von 'Das Fahrrad' ist ein anderer, nämlich kulturgeschichtlich, insofern sind Vergleiche mit dem 'Fahrradbuch' fehl am Platze. Was aber auffällt, ist die relative Lustlosigkeit Lessings. Man hat das Gefühl, er spult ein weiteres Fahrradbuch ab, das er aus Versatzstücken seiner alten Publikationen neu zusammengestellt hat. Wirklich Neues findet sich nicht, und einige der Fakten, die im übrigen weitgehend ohne Belege bleiben, scheinen mir schlicht und einfach falsch zu sein. Mal ist es die These, dass die Hungersnot 1816/17 zum Bau der Draisine führte oder die dahingeworfene Behauptung, dass in den USA das Wort 'freedom machine' für Fahrrad verwendet werde. Mittlerweile misstraue ich den Englischkenntnissen von Herrn Lessing sehr, was auf dem Umstand beruht, dass die englische Übersetzung einer Broschüre der Stadt Mannheim zum Thema Fahrrad "unter freundlicher Mitarbeit" von Herrn Lessing entstand. (Man suche nach 'Karl von Drais' und 'Drais-Flyer PDF') Die Übersetzung strotzt vor Fehlern und ruft bei Muttersprachlern heftiges Kopfschütteln hervor. Zitat: 'Inventing his vehicles Drais took consequences of sequence of poor harvests starting 1812.' Wie bitte? Dazu passt dann auch, dass Lessing selbst einfachstes Italienisch falsch wiedergibt: es heißt "macchina" und nicht "machina".
'Das Fahrrad' ist eine überflüssige Publikation, vieles hat Lessing bereits an anderer Stelle veröffentlicht, und vieles ist stilistisch nicht sehr homogen. Eine Enttäuschung und ein vollständig verzichtbares Buch.
Siehe auch: https://www.amazon.de
Hans-Erhard Lessings 'Das Fahrradbuch' von 1986 war eines meiner Lieblingssachbücher. Lessing war, wie ich, in den USA gewesen, und hatte gesehen wie selbst in einem gnadenlosen Automobilland wie den USA eine Fahrradszene existieren konnte, die das Fahrradpendeln und Freizeitradeln voranbrachte, ohne, wie im kommerziellen Mainstream, vom Radsport dominiert zu werden. Ein praktisches Buch mit einem pragmatischen Ansatz, das Lessing für mich zu einem Autor machte, bei dem es sich lohnte nachzusehen, was er sonst noch so schrieb.
Der Ansatz von 'Das Fahrrad' ist ein anderer, nämlich kulturgeschichtlich, insofern sind Vergleiche mit dem 'Fahrradbuch' fehl am Platze. Was aber auffällt, ist die relative Lustlosigkeit Lessings. Man hat das Gefühl, er spult ein weiteres Fahrradbuch ab, das er aus Versatzstücken seiner alten Publikationen neu zusammengestellt hat. Wirklich Neues findet sich nicht, und einige der Fakten, die im übrigen weitgehend ohne Belege bleiben, scheinen mir schlicht und einfach falsch zu sein. Mal ist es die These, dass die Hungersnot 1816/17 zum Bau der Draisine führte oder die dahingeworfene Behauptung, dass in den USA das Wort 'freedom machine' für Fahrrad verwendet werde. Mittlerweile misstraue ich den Englischkenntnissen von Herrn Lessing sehr, was auf dem Umstand beruht, dass die englische Übersetzung einer Broschüre der Stadt Mannheim zum Thema Fahrrad "unter freundlicher Mitarbeit" von Herrn Lessing entstand. (Man suche nach 'Karl von Drais' und 'Drais-Flyer PDF') Die Übersetzung strotzt vor Fehlern und ruft bei Muttersprachlern heftiges Kopfschütteln hervor. Zitat: 'Inventing his vehicles Drais took consequences of sequence of poor harvests starting 1812.' Wie bitte? Dazu passt dann auch, dass Lessing selbst einfachstes Italienisch falsch wiedergibt: es heißt "macchina" und nicht "machina".
'Das Fahrrad' ist eine überflüssige Publikation, vieles hat Lessing bereits an anderer Stelle veröffentlicht, und vieles ist stilistisch nicht sehr homogen. Eine Enttäuschung und ein vollständig verzichtbares Buch.
Siehe auch: https://www.amazon.de
03 März 2018
Bad boyz
"Bad teenagers hang out in the alley behind our building, and whenever they see me on my bike they call me Pee-wee, after Pee-wee Herman, because I have an old one-speed that cost $8. It gets on my
nerves, but if I had a better bike they’d just steal it."
— David Sedaris in 1987, Theft by Finding: Diaries (1977-2002)
nerves, but if I had a better bike they’d just steal it."
— David Sedaris in 1987, Theft by Finding: Diaries (1977-2002)
02 März 2018
Fahrradfahren
Ich zitiere Herrn W. Canzler vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung:
[Wir brauchen] natürlich eine Stärkung der Verkehrsmittel, die überhaupt keine Schadstoffe emittieren, nämlich das Fahrradfahren und das Zu-Fuß-Gehen. Da geht es auch nicht nur um schlechte Luft; da geht es dann auch um Lärm. Da geht es dann auch darum, ob man sich gerne in der Stadt aufhält. Das sind ja eigentlich die Zukunftsfragen.
[...] wir brauchen vor allen Dingen sichere, gute Verkehrsinfrastruktur für Fahrräder. Wir brauchen gute Abstellplätze auch zum Beispiel für Pedelecs, die ja für viele Pendler durchaus eine Alternative zum Auto sind. Wenn wir vernünftige Fahrradwege haben und dann auch die Möglichkeit, diese Fahrräder sicher abzustellen, wenn wir dann die Möglichkeit haben, in den Büros auch zu duschen, all diese Dinge, die zum Teil auch ganz kleine Schritte sind, die zusammen ergeben dann durchaus eine Attraktivität fürs Fahrradfahren.
Und wir wissen, dass 40 Prozent, sagt man, ungefähr aller Wege in der Stadt unter fünf Kilometer sind. Das sind ideale Fahrradwege. Nur viele trauen sich nicht aufs Fahrrad, weil sie sagen, das ist unsicher und dann hat man vielleicht eine unübersichtliche Kreuzungssituation, oder ich weiß nicht, wo ich das Rad abstellen soll. Da ist eine Menge zu tun. (DLF, Interview, März 2018.)
27 Januar 2018
Der Werkstoff Aluminium
Mit 16, als Aushilfe in der Fahrradwerkstatt des Kaufhauses Hertie, fand ich Alufahrräder gar nicht so übel; gerade die viel geschmähten Alurenner aus dem Hause Kettler gefallen mir noch immer.
Was mir nicht gefällt, ist wie Bauxit in den Jahren der deutschen Nazidiktatur abgebaut wurde. Wenn dann eine Firma wie Rimowa damit protzt, dass sie schon ab 1936 Alukoffer gebaut hat, finde ich das eher unappetitlich.
Immerhin: Der Rimowa-Marketingleiter schrieb mir am 25. Januar 2017 in Antwort auf meinen Hinweis, dass es mich nicht wundern würde, wenn beträchtliche Mengen des Aluminiums für Rimowa-Koffer aus den Hütten kamen, die später auch die Nazi-Kriegsindustrie bedienten:
Sehr geehrter Herr [...]
Wir bedanken uns für Ihren konstruktiven Hinweis und möchten Ihnen versichern, dass wir aktuell mit viel Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit unsere Unternehmensgeschichte aufbereiten.
Erkenntnisse aus dieser Untersuchung werden wir selbstverständlich in zukünftiger Kommunikation berücksichtigen.
In diesem Jahr feiern wir uns 120-jähriges Firmenjubiläum. Die Feier dieses Jubiläums wird entsprechend unsere aktuelle Aluminiumkampagne zeitnah ablösen.
Für weitere Rückfragen oder Anmerkungen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.
Beste Grüße aus Köln
Christof Hildebrand, Head of Marketing
P +49-221-956417-187
RIMOWA GmbH
Richard-Byrd-Str. 13
50829 Köln
21 Januar 2018
Vollpratsche und Strampelnazis
Ist der Mann noch recht bei Trost? Der gequält auf satirisch getrimmte Ton des Artikels von Peter Richter in der Süddeutschen Zeitung Nr.10/2018 (und im Tagesanzeiger) ärgert mich, weil er argumentativ so plump ist, jedoch so tut, als käme er von einem großen Geistesstreiter, beleckt und belesen in allen Künsten. So müssen Malerei, Filmkunst und Literatur dafür herhalten, dass Richter seine Städte offensichtlich laut mag, gerne auch mit reichlich Autoverkehr, der vor allem auch nachts brausen sollte, denn sonst wird es "beklemmend" in der Stadt. Mag sein, dass der ein oder andere Mitmensch die Abwesenheit von Autos als beklemmend empfindet, doch Herr Richter vergisst dabei, dass es durchaus auch Menschen gibt, die in der Stadt wohnen und nachts schlafen möchten, und das geht ohne Autolärm deutlich besser.
Plump nicht nur die Argumente, plump auch die Stilmittel. Rationale Argumentationsansätze, etwa das durchaus vernünftige Fahrradfahren in der Stadt oder die Einrichtung autofreier Zonen, überzeichnet er ins Groteske, um sie so bequem ins Lächerliche ziehen zu können. Dieser literarische Taschenspielertrick funktioniert freilich nur, wenn in der Überzeichnung noch wenigstens ein Funken der kritisierten Realität auszumachen ist. Doch bei Richter gibt es nur frei erfundene Albernheiten, in denen Berliner Fahrradfahrer als "Strampelnazis" auftauchen, die sich zu "Radfahrerschwärmen" zusammenschlössen, wie man sie einst aus "Hanoi oder Saigon" gekannt habe, wohingegen Berliner vietnamesischer Abstammung, so Richter, lieber mit Audi, BMW oder Benz durch die Straßen sausten. Ha, selten so nicht gelacht, toller Vietnamesenwitz.
Weder gibt es in Berlin Fahrradschwärme noch fallen vietnamesische Gastronomen durch teure Autos auf. Selbst der Verweis auf Kästner in den 20er Jahren und dessen Caféhaus-Autobewunderung gerät zum Fehlgriff, denn vor rund hundert Jahren dürften wohl kaum, so wie heute, 1.2 Millionen Pkw die Berliner Straßen belebt haben. (In ganz Deutschland fuhren 1925 keine 100 000 Pkw.)
Kein vernünftiger Mensch würde sich beschweren, wenn Autos plötzlich verschwunden wären. Keiner außer Herrn Richter litte an Beklemmungen. Niemand hat etwas gegen die "Verfußgängerzonung der Großstädte". Autos aus der Stadt zu halten, hat nichts mit der Verkehrspolitik in den "linken Rathäusern von Berlin, Paris und Madrid" zu tun, sondern ist einfach nur vernünftig. Autofahren ist ein Privileg, und es wäre schön, wenn es wieder als solches behandelt würde, mit all seinen wunderbaren Folgen. Deutschland 2025 mit 100 000 Autos, davon maximal 5 000 in Berlin, das wäre eine feine Sache.
Plump nicht nur die Argumente, plump auch die Stilmittel. Rationale Argumentationsansätze, etwa das durchaus vernünftige Fahrradfahren in der Stadt oder die Einrichtung autofreier Zonen, überzeichnet er ins Groteske, um sie so bequem ins Lächerliche ziehen zu können. Dieser literarische Taschenspielertrick funktioniert freilich nur, wenn in der Überzeichnung noch wenigstens ein Funken der kritisierten Realität auszumachen ist. Doch bei Richter gibt es nur frei erfundene Albernheiten, in denen Berliner Fahrradfahrer als "Strampelnazis" auftauchen, die sich zu "Radfahrerschwärmen" zusammenschlössen, wie man sie einst aus "Hanoi oder Saigon" gekannt habe, wohingegen Berliner vietnamesischer Abstammung, so Richter, lieber mit Audi, BMW oder Benz durch die Straßen sausten. Ha, selten so nicht gelacht, toller Vietnamesenwitz.
Weder gibt es in Berlin Fahrradschwärme noch fallen vietnamesische Gastronomen durch teure Autos auf. Selbst der Verweis auf Kästner in den 20er Jahren und dessen Caféhaus-Autobewunderung gerät zum Fehlgriff, denn vor rund hundert Jahren dürften wohl kaum, so wie heute, 1.2 Millionen Pkw die Berliner Straßen belebt haben. (In ganz Deutschland fuhren 1925 keine 100 000 Pkw.)
Kein vernünftiger Mensch würde sich beschweren, wenn Autos plötzlich verschwunden wären. Keiner außer Herrn Richter litte an Beklemmungen. Niemand hat etwas gegen die "Verfußgängerzonung der Großstädte". Autos aus der Stadt zu halten, hat nichts mit der Verkehrspolitik in den "linken Rathäusern von Berlin, Paris und Madrid" zu tun, sondern ist einfach nur vernünftig. Autofahren ist ein Privileg, und es wäre schön, wenn es wieder als solches behandelt würde, mit all seinen wunderbaren Folgen. Deutschland 2025 mit 100 000 Autos, davon maximal 5 000 in Berlin, das wäre eine feine Sache.
20 Januar 2018
Polster reicht
Einfach bleiben lassen. Nicht wie ein Clown in Acryl, Lycra, Polyester und Nylon auf einem bunten Witzrad sitzen. Plastik, wohin das Auge schaut. Der einzige der darüber lacht, ist der Händler bzw. der Hersteller, der dir den ganzen Pröll für Tausende von Euros angedreht hat — von dir mit Plastik (Kreditkarte) bezahlt.
Zum Kompromiss neige ich allenfalls bei gepolsterten Hosen, und selbst da nur ab Distanzen von 68 km und mehr. Auch Regenschutz ist eigentlich nicht schlecht, wenn man sich nicht unterstellen will. Der Rest: Wolle, Baumwolle.
Alles andere: Don't! Auch wenn Nike dauernd "Just do it" in dein hungriges Konsumentenohr säuselt. Meer und Meeresbewohner werden es dir danken, denn schon jetzt schwimmt fast schon mehr Plastik im Meer als Fische.
Zum Kompromiss neige ich allenfalls bei gepolsterten Hosen, und selbst da nur ab Distanzen von 68 km und mehr. Auch Regenschutz ist eigentlich nicht schlecht, wenn man sich nicht unterstellen will. Der Rest: Wolle, Baumwolle.
Alles andere: Don't! Auch wenn Nike dauernd "Just do it" in dein hungriges Konsumentenohr säuselt. Meer und Meeresbewohner werden es dir danken, denn schon jetzt schwimmt fast schon mehr Plastik im Meer als Fische.
In a business-as-usual scenario, the ocean is expected to contain one tonne of plastic for every three tonnes of fish by 2025, and by 2050, more plastics than fish [by weight].” ... every year “at least 8m tonnes of plastics leak into the ocean — which is equivalent to dumping the contents of one garbage truck into the ocean every minute. If no action is taken, this is expected to increase to two per minute by 2030 and four per minute by 2050 (The Guardian, 19 Jan 2016)
11 Januar 2018
Fahrradmitnahme im ICE: Verpackung ist Pflicht, Tarnung schadet nicht.



Fotos: Dahon, Brompton blog, Yahee
Fahrradkarte kaufen und dann nur noch IC statt ICE* fahren? Einen Aufpreis dafür zahlen, dass man nun auch noch mit dem langsameren Zug fahren muss, nur weil man sein Rad dabei hat?
Mein Stolz ist zu groß, also sinne und trachte ich nach Wegen, mein Rennrad kostenlos im ICE zu befördern.
So viel schon jetzt. Es ist mehr oder weniger problemlos möglich, aber über ein Mindestmaß an Leidensfähigkeit sollte man verfügen, vor allem im Bezug auf große Gepäckstücke. Überdies sollte ein Grundstock an Ausrüstung vorhanden sein, zumindest wenn die Rennradmitnahme halbwegs regelmäßig stattfindet.
Mein erster Rennradtransport (Berlin-Mannheim) war ein Müllsacktransport. In drei bis vier schwarzgraue Müllsäcke gehüllt (die Laufräder gehen extra) und mit Pappe aus dem Supermarkt gepolstert, glichen Rahmen und Anbauteile zwar keinem gebräuchlichen Koffermodell**, verstießen aber auch gegen keine geltenden Mitnahmevorschriften. Wer dann noch am Zugende sein Quartier aufschlägt, kann sein übergroßes Gepäck auch gleich hinter den Einstieg deponieren. Hier steigen nur wenige Passagiere ein und aus, und anders als am Kopf der Zuges, wo der Zugang zum Führerhaus der Lok blockiert würde, steht das Rad hier nicht im Weg.
Angenehmer wird das Verpacken mit einer Radreisetasche. Für 20 Euro habe ich online eine Tasche, riesengroß, erworben. Es ist das Modell "El Bolso" von Dahon in der größtmöglichen Variante. Bolso fasst das komplette Rad — Laufräder sind rechts und links vom Rahmen untergebracht — und lässt sich trotz der beträchtlichen Größe noch immer über die Schulter hängen.
Letzte Woche waren Bolso, Bike und ich im ICE von Hamburg nach Mannheim unterwegs. Bolso ist kein Schutzwunder: das Kettenblatt kann sich durch den Stoff arbeiten, sollte also mit einer Lage dicker Pappe oder festem Schaumstoff daran gehindert werden; ich hatte während der letzten Transporte diesen guten Tipp ignoriert und sah mich blitzenden Aluminiumzähnen gegenüber. Schnell Pappe drunter, alles wieder gut. Zuhause dann alles zunähen. Keine bleibenden Schäden.
Doch zurück zur Zugreise. Kurz vor Mannheim gehe ich an das Kopfende des Wagens, vor die gläsernen Automatiktüren, Multitool in der Hand, setze die Laufräder in den Rahmen, schraube die Campagnolo-Pedale ein, stecke den Vorbau samt Lenker ins Steuerrohr, hebe den Sattel an und checke alles durch. Fahrbereit in fünf Minuten. El Bolso wird zusammengeknüllt und in den 3-Euro-Leichtrucksack von Ikea gestopft.
Eine Schaffnerin kommt vorbei und bleibt abrupt stehen, als hätte sie ihr Timing aus einem Laurel-and-Hardy-Film: "Wo kommt denn das Rad jetzt her?" Ich kläre sie auf. Das Rad sei eingepackt gewesen, ich hätte es eilig und könne deshalb nicht mit dem Wiederzusammenbau warten, stiege aber am nächsten Bahnhof schon aus. Na ja, kam es gnädig zurück, sie habe das Rad ja bei den letzten Bahnhofstopps "überhaupt nicht realisiert", und ihr Sohn habe ja auch ein tolles Rennrad, nicht so "retro" (richtig wäre "vintage", da Baujahr 1985), sondern modern eben, gebraucht für nur 300 Euro gekauft. Ein Ermahnung blieb aus, wohl auch weil die Einfahrt in den Bahnhof Mannheim kurz bevorstand und ich ein wenig auch meinen Charme spielen ließ.
Auch ohne Charme und Verständnis werfen Schaffner ihre fahrradtragenden Fahrgäste nicht aus dem ICE. Verpackung ist Pflicht, Tarnung schadet nicht. Nichts blockieren. Nichts hassen Bahnschaffner mehr als verstellte Durchgänge. Wenn im Großraumwagen eine Zweierreihe leer ist, schiebe ich das Rad dort hinein, mache aber sofort frei, wenn der Zug sich zu sehr füllt.
Morgen bleibt Bolso zuhause, stattdessen reise ich mit "Dimpa" (Ikea, EUR 6) und einer generischen Fahrradtasche des Onlinehändlers Yahee aus Markgröningen, die ich vor Jahresfrist für 7 Euro gekauft habe. Gleich zwei Taschen, das hätte ich mir gerne erspart, aber erstens ist die Bolso in Mannheim, während ich gerade in Hamburg bin, und zweitens bietet sich der Einsatz zweier Taschen beim Peugeot "DA 40 E" geradezu an: es ist ein zerlegbares 20-Zoll-Rad ("Steckrad", nicht Klapprad) aus dem Jahr 1972: das Hinterteil kommt in die blickdichte Fahrradtasche (Bild oben rechts), das Vorderteil in die semitransparenta Dimpa. Passt gut. Weniger schön ist das Gewicht: 12 und 7 Kilo sind zu tragen. Allerdings können die zwei Einzelstücke auch wesentlich besser im ICE verstaut werden als die große Bolso.
* Die neuen ICE 4-Züge, die seit Ende 2017 auf einigen Strecken verkehren, verfügen über Fahrradstellplätze, insofern stimmt es also nicht, dass die Bahn Fahrräder nur in ICs oder langsameren Zügen befördert. Allerdings fallen bei Buchung neun Euro an.



** Ich kann es mir nicht verkneifen, aber Menschen mit Rollkoffern, vor allem mit den Aluteilen der Fa. Rimowa, sind mir hochgradig suspekt und auf Anhieb unsympathisch. So wie Rimowa (Teil des Luxuskonzerns LVMH) selbst: "Rimowa & aluminium since 1937" wirbt die Firma auf ihrer Website. 1937? Es würde mich nicht wundern, wenn beträchtliche Mengen des Aluminiums für Rimowa-Koffer aus den Hütten kamen, die später auch die Nazi-Kriegsindustrie bedienten.
Siehe: Die Zeit, Nov. 1999:
"Hermann Göring braucht Kampfflugzeuge für die Luftwaffe — ohne große Mengen Aluminium ist das nicht zu schaffen. In der Niederlausitz ... arbeitet seit 1918 die Hütte Lautawerk der Vereinigten Aluminium-Werke (VAW), die Nazis machen das Staatsunternehmen zu einem zentralen Rüstungsbetrieb. Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene sichern die Produktion. Sie arbeiten unter unmenschlichen Bedingungen in der Tonerdefabrik, in der Aluminiumhütte und in der Gießerei. ... Die Aluminiumhütte Lautawerk gibt es nicht mehr, aber VAW hat als Privatunternehmen überlebt. Nur: Auf der Liste der Unternehmen, die sich an der Stiftung der deutschen Industrie zur Entschädigung von Zwangsarbeitern beteiligen, sucht man das Kürzel vergeblich. Dabei war die VAW eine der größten Nutznießerinnen der NS-Zwangsarbeit. In Deutschland sowie in den besetzten beziehungsweise angeschlossenen Gebieten betrieb sie acht Aluminiumhütten und Hilfsbetriebe. Von Töging am Inn über Grevenbroich (Niederrhein), Lünen (Westfalen) und Schwandorf in der Oberpfalz bis nach Pettau im heutigen Slowenien kamen an die 20 000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene bei VAW zum Einsatz."
06 Januar 2018
We are not delighted

Garage auf, Schrecksekunde ob des sich bietenden Bildes: in unserer reichlich unaufgeräumten, nie abgeschlossenen Garage steht ein sogenanntes E-Bike, abgestellt vom Besuch der Nachbarn. Darf er gern machen, der Besuch, aber welch ein Monstrum ist dieses Elektrofahrrad! Rund 5 500 Euro kostet das Riese & Müller Delite mountain E-Ped (ich kann es einfach nicht E-Bike nennen: das ist ein E-Moped, nichts anderes), der Gegenwert von 55 meiner renovierten Stahlräder. Hoffentlich hat er es wenigstens geklaut und benutzt nun unsere Garage als Zwischenlager für sein Diebesgut.
Einen Tag später scheint die Sonne. Ich schiebe das Koga-Miyata-Rennrad aus der Garage und fahre nach R...dorf. 10 kg Metall, im letzten Herbst gebraucht gekauft für 100 Euro. Laut Rahmennummer ist es 37 Jahre alt. Es fährt sich ganz wunderbar.
In weiteren 37 Jahren wird niemand mehr verstehen, wieso man einst Fahrräder ohne Motor fuhr, Räder die keinerlei Display hatte, deren Gänge nur zu fühlen waren, die beim Fahren zum zweiten Körper wurden. Der Dualismus Mensch-Maschine war am prothetisch werdenden Fahrrad geringer als je zuvor, mit der Elektronisierung wird Radfahren synonym werden mit surrenden Aggregaten und blinkende Bildschirmen. Kinder werden das Radeln auf E-Peds lernen. Die Unterstützung durch den Elektromotor werden sie bitter nötig haben, denn ihre kleinen fetten Körper geraten schon bei langsamem Laufen ins Schwitzen.
Am Montag war das Riese & Müller-Monstrum wieder verschwunden.
(Ganz am Rande: Ich höre gerade Deutschlandfunk Kultur, ein recht ordentlicher Sender, aber das Christengefasel am Sonntag ist unerträglich.)
19 Dezember 2017
Magazin "Cycle Classic"
Nahezu uneingeschränkt empfehlenswert: Die Ausgabe 2017 (erscheint wohl nur jährlich) von "Cycle Classic". Während das Muttermagazin Cycle vom Hipster bis zum Sammler alle Radfahruntergruppen zu bedienen sucht, beschränkt sich der Classic-Ableger auf Räder aus den 70er, 80er und 90er Jahren.
Kenntnisreiche Artikel — nicht immer mit dem kritischen Unterton, den man sich wünscht — kontrastieren, wie überall in der Magazinwelt, mit sogenannten Produktvorstellungen, die natürlich nichts anderes sind als Werbung. Wer darüber hinwegsehen kann (und über Formulierungen wie "Knapp 70 Euro werden für die Bremse aufgerufen"), wird hier bestens informiert.
Mehr unter: https://wieland-verlag.com/cycle_classic/2017

Für mich stößt Cycle Classic in eine Lücke, die seit langem darauf wartete, gefüllt zu werden. Gerade als Gegengewicht zu der Kommerzialisierung des Vintage-Sektors könnte Cycle Classic helfen, die schlimmsten Auswüchse zu verhindern: nicht jedes alte Rad mit Stahlrahmen sollte beim Verkauf automatisch 800 Euro bringen, und organisierte Ausfahrten in Italien sind keine 90 Euro Anmeldegebühr wert. Professionelle Fahrrad-Aufhübscher verlangen mittlerweile Preise, die auf unanständig hohe Margen schließen lassen. Andererseits: ein Komplettrad mit Winterreifen für den VW Golf kostet eben auch schon 500 Euro, was sind da 1 500 für ein perfekt restauriertes Rennrad aus den 70ern?
Kenntnisreiche Artikel — nicht immer mit dem kritischen Unterton, den man sich wünscht — kontrastieren, wie überall in der Magazinwelt, mit sogenannten Produktvorstellungen, die natürlich nichts anderes sind als Werbung. Wer darüber hinwegsehen kann (und über Formulierungen wie "Knapp 70 Euro werden für die Bremse aufgerufen"), wird hier bestens informiert.
Mehr unter: https://wieland-verlag.com/cycle_classic/2017

Für mich stößt Cycle Classic in eine Lücke, die seit langem darauf wartete, gefüllt zu werden. Gerade als Gegengewicht zu der Kommerzialisierung des Vintage-Sektors könnte Cycle Classic helfen, die schlimmsten Auswüchse zu verhindern: nicht jedes alte Rad mit Stahlrahmen sollte beim Verkauf automatisch 800 Euro bringen, und organisierte Ausfahrten in Italien sind keine 90 Euro Anmeldegebühr wert. Professionelle Fahrrad-Aufhübscher verlangen mittlerweile Preise, die auf unanständig hohe Margen schließen lassen. Andererseits: ein Komplettrad mit Winterreifen für den VW Golf kostet eben auch schon 500 Euro, was sind da 1 500 für ein perfekt restauriertes Rennrad aus den 70ern?
17 Dezember 2017
Zahlen
Aus dem Spiegel 51/2017:
Auf deutschen Straßen sind seit 1950 knapp 780 000 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Die Zahl der Verletzten übersteigt 31 Millionen. Zu diesem Ergebnis kommt der Freiburger Historiker Peter Itzen in einer neuen Studie. Das hohe Risiko, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, nahmen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Itzen zufolge Autofahrer in Kauf, weil das Auto 'Zugang zu den Verheißungen der Industriemoderne versprach'.Und heute?
Im vergangenen Jahr starben dennoch immer noch mehr als 3 000 Menschen bei Verkehrsunfällen; rund 400 000 wurden verletzt.
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