18 November 2017

It's all about the place

Die Werbung der Fahrradindustrie verheißt dem Radfahrer nur dann uneingeschränktes Glück auf zwei Rädern, wenn diese Räder der neusten Technologie entsprechen und an einem Rahmen samt Gabel sitzen, die im Rennsport erprobt sind oder sich durch ein anderes Merkmal, echt oder künstlich, vom Alltagsrad unterscheiden.

Der einsame Radler am Strand, der auf einem billigen Kaufhaus-Bike den Strand entlangcruist, ist glücklich. Dazu benötigt er weder Countervail Vibration Cancelling Composite Technology noch irgendeinen anderen Schnickschnack.

Anstatt 3000 Euro in ein Rad zu stecken, das in der heimischen Garage versauert, mietet oder kauft der kluge Radfahrer am Zielort seiner Träume ein einfaches Rad und achtet dabei nur auf eins: dass es rollt.

Es gibt nur ein Traumfahrrad, nämlich eins, das zur richtigen Zeit am richtigen Ort fahrbereit vor einem steht.

11 November 2017

Wenn Millionäre zu sammeln beginnen, steigen die Preise

Wenn Millionäre zu sammeln beginnen, steigen die Preise.

Das überzeugendste Beispiel gibt China ab: klassische chinesische Kunst wird seit der kapitalistischen Öffnung Chinas vermehrt von chinesischen Sammlern gekauft, die, so Sotheby's, Stücke, die im Kolonialzeitalter geraubt wurden, wieder nach China zurückzubringen. Patriotische, kunstliebende Mulitmillionäre aus China treiben die Preise für Porzellan, Schnitzereien und Kalligraphien aus dem vorrevolutionären China so weit in die Höhe, dass sich in den letzten Jahren die Preise mehr als verzehntfach haben. Aber auch die Gegenwartskunst Chinas profitiert.

Das Sammeln alter Räder wird offensichtlich nicht überwiegend von reichen Millionären ausgeübt. Wäre das so so, würde niemand über 232 Euro ächzen, die unlängst für ein gut erhaltenes japanisches Centurion (die deutschen und dänischen Centurions und ihre (Nicht-)Verbindung nach Japan lassen wir hier einmal unbeachtet) die PayPal-Konten gewechselt haben. Im Gegenteil, man würde -- und sollte -- die nicht einmal 250 Euro als Schnäppchen betrachten, denn für diese Geld gibt es dieser Tage nicht einmal Kaufhausqualität. Natürlich werden die Preise für gute alte Räder weiter steigen, vielfach aber nur inflationsbedingt: Alles wird teurer, also auch alte Räder. Was aber nicht heißt, dass diese teurer werdenden Räder auch tatsächlich eine Wertsteigerung erlebt hätten.

Fleischhauer, Jan

Jan Fleischhauer schreibt im Spiegel vom 11. November 2017:
Ich habe lange in Amerika gelebt. Wenn die Amerikaner eines beherrschen, dann ist es die Kunst des Verkaufs. Das Model S von Tesla ist ein Auto, das als sportliche Limousine angeboten wird, aber wenn man es sportlich fährt, muss man schon nach 140 Kilometern an die Ladestation. Aus meiner Sicht ist ein Auto, das man im Tempo eines Fiat Uno über die Autobahn bewegen sollte, um nicht nach 50 Minuten liegen zu bleiben, das Gegenteil eines Sportwagens. Dennoch sind alle ganz verrückt danach. 
Argumentatitive Plumpheit, Schritt 1: Er, Fleischhauer, habe lange in den USA gelebt. Dies soll Glaubwürdigkeit und Kompetenz beweisen, ist aber kaum mehr als ein Tasschenspielertrick, um eine Autorität einzufordern, die das bloße Leben in einem Land nicht automatisch mit sich bringt. Lange in den USA gelebt und dennoch keine Ahnung: ja, gibt es, wenn Klischees die Hirnwindungen verkleistert haben. Insgesamt auf dem Argumentationsniveau eines Grundschülers: Mein Papa war schon in Amerika, der weiß alles!

Plumpheit, Schritt 2: US-Amerikaner beherrschen die "Kunst der Verkaufs". Ein überstrapaziertes Klischee, verbunden mit einer fragwürdigen Verallgemeinerung, die durch den "langen" Aufenthalt von Herrn Meatcutter in den USA nicht klüger klingt. Auch ich habe "lange in Amerika gelebt", beherrsche das Amerikanische deutlich besser als Mr. Meatcutter, und so darf man mir getrost glauben, dass viele Amerikaner miserabel schlechte Verkäufer sind, mindest so schlecht wie Mr. M. ein Kolumnenschreiber ist.

Plumpheit, Schritt 3: E-Autos, die nach nicht einmal 100 Meilen geladen werden müssen (wenn man übertrieben schnell fährt, denn nichts anderes ist hier mit "sportlich" gemeint), seien nicht begehrenswert. Dennoch bestehe in den USA erhebliche Nachfrage nach derartigen Fahrzeugen, was er, Fleischhauer (butcher), so schließe ich aus seinem Text, nicht nachvollziehen könne.

Zu bedenken möchte ich Herrn Meatcleaver geben, dass bei niedrigerer Geschwindigkeit (immerhin 55 bis 65 mph) eine Reichweite von 200 Meilen erreicht wird. Schnell und weit genug für viele Anwendungsbereiche. Sport und Autofahren sind ohnehin eine contradictio in adjecto. Sport wäre es, zu rennen, zu joggen, ja sogar zu laufen. Und vielleicht auch, mit dem Rad zu fahren, obwohl ich beim Rad, wie schon beim Auto, eher den Transporteffekt im Vordergrund sehe. Aber Autofahren auf öffentlichen Straßen ist sicher kein Sport, ja nicht einmal sportlich. Viele übergewichtige, alte Männer in Porsche-Fahrzeugen legen davon beredt Zeugnis ab. Wahrscheinlich gehört Herr Fleischhauer längst selbst zu dieser Gruppe, anders kann ich mir seine Kolumne nicht erklären.

Alles nur Werbung, alles nur Bluff? Tesla nur Marketing, Facebook nur Software-Ingenieure ohne Durchblick? Der Satz "Facebook ist wirklich zu doof" reflektiert aufs Ungünstigste die Einsichtsfähigkeit des Spiegel-Kolumnisten und umreißt haarscharf sein schlafwandlerisches Missverstehen. Wird sich Facebook von der Politik in die Karten sehen lassen? Wohl kaum. Der Algorithmus regiert, Facebook verdient an ihm Milliarden, und nur Fleischhauer haut mit jeder seiner Kommentarzeilen jedesmal glatt daneben. Ganz gleich, ob es sich um Facebook oder Tesla handelt.

Elektroautos sind gut, aber sie wären besser, wenn der Strom, mit dem man sie lädt, aus erneuerbaren Energien käme. Das tut er zu 56% nicht. Kommt aber noch. Energie einsparen kommt auch noch. Und "sportlich fahren" ist blödsinniges Verquasen von Energie, in bester Fleischhauer-Manie. Danke, Fleischi, da lauf' ich lieber.

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